Jeeptour durch den Canyon de Chelly

Es ist beeindruckend, am Süd- und Nordrand des Canyon de Chelly den Aussichtspunkten zu folgen und von oben in die Tiefe des Canyons hinunterzuschauen.

Doch das reichte uns nicht, und deshalb haben wir bei Thunderbird Tours eine Vierstunden-Rundfahrt durch den Canyon gebucht. Morgens um Neun ludt unser Guide David die vier Teilnehmer in das Tourgefährt – Steyr-Puch, Baujahr ca.1965, vom Schweizer Bundesheer gekauft, 3 Achsen, jede getrennt mit Sperrgetriebe – ein besser geeignetes Fahrzeug ist kaum vorstellbar, beeindruckend wie problemlos der durch losen Sand, tiefen Matsch und durch manchmal gar nicht so niedriges Wasser durchkam.

Lustigerweise waren unsere Mitausflügler – Liz aus Canada und Chris aus Holland – beide sehr gut in der Lage, sich mit uns auf Deutsch zu unterhalten.

Am unteren Ende des Canyon liegt Chinle, so heißt auf Navajo „die Öffnung aus der Wasser austritt“; genauso heißt auch die Stadt, die gegenüber dem Canyon liegt. Sie ist die wichtigste Stadt der Navajo, die sich in ihrer eigenen Sprache Di-Ne, die Menschen, nennen.

Am Canyonende ragen die Wände nur etwas 10 bis 15 Meter über den Boden, der  zur Hälfte von breit und flach dahinfließendem Wasser bedeckt ist. Der vom Eingang am weitesten entfernte Punkt der Tour liegt bei ca. 15 km zurückgelegter Strecke; dort  ragen die Felsen ca. 250 m kerzengerade in die Höhe. Der Canyonboden ist mit Sand, Schlamm und Geröll bedeckt, vermutlich sind die Steilwände nicht sichtbar noch höher. Man weiß es nicht, insgesamt stand sehr wenig Information darüber, wie der Canyon entstand, zu Verfügung. Man konnte sehen, dass Erosion durch Wasser und Wind sicherlich eine große Rolle spielte, ob auch Gletscher eine Rolle hatten blieb offen.

Die Tour steuerte folgende Aussichtspunkte an: Kokopelli Cave, Petroglyph Rock, First Ruin, Junction Ruin, Ceremonial Cave, Ledge Ruin, Antilope House Ruin (im Canyon de Muerte) und Whitehouse Ruin im oberen Teil des Canyon de Chelly. Ruin in diesem Zusammenhang hieß immer Überrest der Anasazi-Kultur, die sehr oft in Höhlen und  unter Überhängen der steilen Wände zu sehen waren.

Diese Anasazi-Ruinen liegen immer in der Nordwand, da nur hier die Südsonne wärmend einfallen konnte. Die Anasazi verließen im 14. Jahrhundert ihr Siedlungsgebiet, warum ist bis heute unverstanden. Später folgten ihnen die Hopi, die ähnliche Lebensbedingungen hatten: Ackerbau, Großgruppen-Zusammenleben in Gebäuden in Pueblo-Bauweise.

Die Navajo kamen erst  im 16. bis 17. Jahrhundert in den Canyon (?), haben die vorgefundenen Ruinen aber immer vorbildlich respektiert; die Alten haben das vorgegeben, wie David uns erläuterte.

Bis 1980 waren die Ruinen nicht abgesperrt und voll zugänglich, man konnte alles ansehen und sogar anfassen. Vandalismus und Diebstähle kamen vor, der Archaeological Ressource Protection Act von 1979 und ein generelles Verbot jeglichen Zugangs waren die logische Konsequenz.

Die Gebäude sind als Ruinen erhalten; interessanterweise wies David darauf hin, dass der Boden des Canyons etwa 5 Meter weiter oben lag. In den ca. 700 Jahren hat das Wasser diese Höhe abgetragen, so waren die Gebäude etwas leichter zugänglich. Man hat in den Stein gehauene Stufen gefunden, ergänzt um Leitern aus Ästen zusammengebunden und eingekerbte Baumstämme, die heute noch als einfache Hilfsmittel verwendet werden.

Die andere wichtige Hinterlassenschaft sind Petroglyphen – Zeichnungen in den Stein geritzt, die symbolhaft kleine Einblicke in Leben und Denken dieser frühen Zivilisation bieten. Auch Negativdarstellungen von Händen sieht man oft: sie entstehen, wenn Farbe um die an die Felswand gedrückte Hand herum durch Sprayen mit dem Bamboogras aufgebracht wird. Sie werden als Hinweis auf Gräber interpretiert, die in den Höhlen und Überhängen von Anasazi und später von den Hopi angelegt wurden. Im Gegensatz dazu legten die Navajos ihre Gräber oben auf den Höhen der Felsen an.

Am Antilope House sahen wir eine Zeichnung, die von frühen Navajos angelegt wurde: sie zeigt zwei Reiter, die einen Hirsch jagen. Der Elk wurde bis zur Erschöpfung von Reitern gehetzt, dann stieg einer ab und tötete das Tier durch Ersticken, die Details haben wir leider nicht genau verstanden, es war nur auf diese Weise möglich, ein vollständiges buckskin ohne Einschussloch zu gewinnen, was für rituelle Zeremonien sehr wichtig war.

Neben den Ruinen zeigte uns David etwas von der heutigen Nutzung. Viehhaltung (Schafe, Ziegen, Rinder, Gartenackerbau (Bohnen, Mais, Kartoffeln) und Obstgärten (Äpfel, Pfirsiche, Kirschen) werden zum Lebensunterhalt genutzt. Ein paar – in der Hauptsache Ältere – Navajos leben im Sommer im Canyon. Im Winter, wenn kaum ein Sonnenstrahl die Kälte mildert, kann man dort nicht gut leben. Die jungen Leute können dem Leben ohne Strom, ohne naheliegende Wasserquellen, ohne Telefon und Internet kaum etwas abgewinnen, sie leben lieber in Chinle und kommen Opa und Oma ab und zu besuchen, oder halt zur Familien-Sommenfrische im Canyon.

Der Boden des Canyons wirkte ruhig, ja friedlich – durch die Stille und Menschenleere. Zum Charakter tragen auch die weit verbreiteten Cottonwood-Pappeln bei; diese wurden vor ca. 80 – 90 Jahren vom CCC zur Erosionvermeidung gepflanzt. Heute bemüht man sich, diese durch hier beheimatete Pflanzen zu ersetzen, z.B. Juniper, der oben am Canyonrand an vielen Stellen zu finden ist.

Koyoten und vermutlich wilde Pferde haben wir gesehen. Insgesamt ein herrliches Stück Erde, so dass man den Stolz der Di-Ne auf ihre Heimat, der auf dieser hoch interessanten Tour immer zu spüren war, sehr gut nachvollziehen kann